Körperlich oder seelisch depressiv?

Was haben Depressionen mit Entzündungsreaktionen zu tun?

Als ich 2013 an der Uni angefangen habe, mich mit der Entstehung von Depressionen aus der Sicht der Ernährungsmedizin zu beschäftigen, war ich unglaublich überrascht, weil es da Zusammenhänge gab, von denen ich noch bis dahin nie etwas gehört hatte, und die damals noch in keinem Lehrbuch standen. Das war noch vor „Darm mit Charme“, jenem Buch von Giulia Enders, was dem Thema kurz darauf zu seinem medialen Durchbruch verholfen hat.

Ich fing mit den Darmbakterien an, wühlte mich durch über 200 wissenschaftliche Studien und merkte, dass Forschergruppen in der ganzen Welt längst dabei waren, die Depression nicht länger als tragisches Schicksal, sondern als eine chronisch-entzündliche Erkrankung zu begreifen. Demnach, dachte ich mir, müsste man sie doch von Grund auf auch so behandeln. Das war aber damals in der Praxis überhaupt noch nicht angekommen.

Heute schaue ich mir grundsätzlich zunächst mal die Ernährungsweise und die Blutwerte einer Patientin an, bevor wir darüber nachdenken, traumatherapeutisch zu arbeiten. So schaffen wir möglichst gute Voraussetzungen und haben es auf dem Schirm, dass vielleicht ein körperliches Hindernis einer seelischen Heilung im Weg steht. Natürlich muss niemand gegen seinen Willen völlig seine Ernährungsgewohnheiten über den Haufen werfen, aber es ist nützlich, den Ausgangspunkt möglichst gut zu kennen, von dem aus man sich auf die Reise macht.

Ein Backenzahn mit Geschichte

Ich habe vor Jahren eine Depression erlebt, wo um mich herum alles in Ordnung war. Ich konnte mir absolut nicht erklären, warum es mir so schlecht ging. Ich war nicht völlig funktionsuntüchtig, aber ich bekam die Symptome auch über Monate nicht richtig in den Griff, fand einfach nicht zu meiner Lebensfreude. Meine wunderbare Hausärztin hatte mir zwar Monate zuvor schon gesagt: „Dein 3.7er muss raus!“, woraufhin ich sie verständnislos ansah, hatte sie doch keine Panoramaaufnahme meiner Zähne gesehen und da ich keine Schmerzen hatte und zu dem Zeitpunkt auch noch keine Idee von den immunologischen Verwicklungen zwischen Depressionen und kaputten Zähnen, hatte ich das leider nicht ernst genommen. Selbst schuld. Ich kämpfte mich also mit heftigen Symptomen durch mein letztes Semester, zog um, begann meine Heilpraktikerausbildung und kam schließlich irgendwann doch zu meinem Berliner Zahnarzt. „Ich glaub‘ mein 3.7er muss raus. Können Sie sich den bitte mal genauer ansehen?“ Er schaute mich an, als glaubte er, ich hätte „nicht mehr alle Tassen im Schrank.“ „Der Zahn ist doch in Ordnung so, da hat der Kollege gute Arbeit gemacht!“ Äußerlich sah das wurzelgefüllte Ding also ganz in okay aus, auch auf dem Röntgenbild sah man die Entzündung nicht. „Ich übernehme die Verantwortung und bin mir darüber im Klaren, dass es vielleicht auch nicht die Ursache ist.“ Ich erzählte ihm in zwei Sätzen von meiner Abschlussarbeit und der klaren Ansage meiner Hausärztin und erklärte, ich wolle das Risiko gerne eingehen, weil mir wirklich nichts anderes mehr einfiel. Ich war privat in einer guten Situation, beschäftigte mich mit Dingen, die ich liebte und hing pausenlos durch. Wenn ich falsch lag, hatte ich eben Pech gehabt und sinnlos einen Zahn geopfert. Das war mir zu dem Zeitpunkt auch schon egal.

Lange Rede kurzer Sinn: Tatsächlich hatte sich unter dem Zahn ein Granulom gebildet und das umliegende Gewebe entzündet. Mit dem Strahlen eines Schatzsuchers hielt der Zahnarzt erst den Zahn und dann das eitergefüllte Säckchen in der Zange: „Tatsächlich! Da isset ja!“ rief er mit unverhohlenem Stolz. Innerhalb von vier Wochen ging es aufwärts. Es war, als würde die Sonne plötzlich heller scheinen und die Welt mit jedem neuen Tag wieder bunter werden. Als mein Körper sich nicht mehr ständig an der Entzündung abarbeiten mußte, stand mir die Energie wieder für Besseres zur Verfügung.

Selten ist es nur die eine, einzige Baustelle

Das es die eine, klare Ursache für eine Depression gibt, ist eher selten. Meistens ist es ein ganzes Ursachenbündel, das man Stück für Stück entwirrt.

Natürlich spielen fast immer auch bestimmte Denkmuster eine Rolle, psychische Schutzmechanismen aus der Kindheit, die im Erwachsenenleben zunehmend hinderlich werden können und uns immer wieder vor Wände laufen lassen, wenn wir sie nicht durchschauen. Aber das ist erst der zweite Schritt.

Beides lässt sich auf einen gemeinsamen Dreh- und Angelpunkt zurückführen: Stress.

Stress ist – ohne ihn als gut oder schlecht zu kategorisieren – eine Anpassungsreaktion des Organismus an Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Auf körperlicher oder auf psychischer Ebene.

Sehr vereinfacht kann man sagen: Stress verursacht Entzündungsreaktionen im Körper und Entzündungsreaktionen führen zu Depressionen. Deshalb kann eine ernährungstherapeutische Herangehensweise gerade bei denjenigen Menschen mit Depressionen wirkungsvoll sein, bei denen gleichzeitig noch andere Entzündungsvorgänge im Körper ablaufen, z.B. bei einer Fettlebererkrankung, bei Diabetes oder rheumatoider Arthritis.

Nicht immer ist die Seele schuld

So ein kaputter Backenzahn kann im Körper unter anderem dieselben Entzündungsbotenstoffe auf den Plan rufen wie eine schlechte Bakterienflora im Darm (eigentlich müßte man von Mikrobiota oder Mikrobiom sprechen), ungünstige Ernährung und daraus resultierende Nährstoffmängel, hormonelle Verschiebungen, eine Immuntherapie gegen Krebs oder fortgesetzte Ängste und erlittene Traumata. Diese Entzündungsbotenstoffe erreichen irgendwann das Gehirn und es kommt zu depressiven Symptomen – ein seelischer Ausdruck dafür, dass auf einer ganz handfesten, greifbaren, körperlichen Ebene etwas schiefläuft. Wenn hier die Ursache liegt, nützt auch alles Meditieren nichts, dann gilt es, erstmal körperlich eine gute Basis zu schaffen, damit die Seele wieder auf die Beine kommen kann.

Während sich die Psychosomatik mit körperlichen Auswirkungen seelischer Ursachen beschäftigt, haben wir es in solchen Fällen mit Somatopsychologie zu tun: mit seelischen Auswirkungen körperlicher Ursachen.

Depression? Ich hab doch nichts am Kopf!

Häufig hadern Patient*innen mit der Diagnose Depression – oder auch nur mit dem Verdacht. „Ich hab doch nix am Kopf!“ hört man dann mitunter ganz empört. Oder gar: „Ich bin doch nicht verrückt!“

In der Tat haftet der Depression ein schwieriges Image an. Kaum jemand möchte darüber reden, viele verschweigen sie oder gehen gar nicht erst zum Arzt, kämpfen jahrelang mit den Symptomen herum. Ihnen möchte ich gerne sagen: Depressionen haben nichts, aber auch gar nichts zu tun mit Verrücktheit. Und „etwas am Kopf“ zu haben ist kein Charakterfehler! Es ist nur das schmerzhafte Resultat daraus, dass der Organismus an irgendeiner Stelle nicht mehr hinterher kommt, die nötigen Anpassungsleistungen an eine herausfordernde Situation zu erbringen.

Depression hat nichts mit Faulheit zu tun

Auch dann nicht, wenn du es selbst vielleicht so empfindest. Es kann passieren, dass du morgens nicht in die Gänge kommst, nicht aufstehen kannst. Oder vielleicht bewältigst du sogar noch mit Hängen und Würgen den Alltag steuerst dabei langsam immer weiter auf einen Burnout zu, weil die Regeneration nicht mehr schnell genug funktioniert. Die Diskrepanz zwischen: „Ich müsste doch eigentlich…“ und „Ich hab es einfach nicht geschafft, wieder nicht!“ kann sehr leicht Schuldgefühle und Scham hervorrufen, weil man seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird.

Mache Dir deshalb klar: Es ist zwar deine Seele, die leidet. Aber sie leidet nicht selten darunter, dass der Körper ein Problem hat!

Es gibt unendlich viele Querverbindungen zwischen Mikrobiota, Hormon- und Nervensystem und Entzündungsreaktionen – und jede einzelne ist ein möglicher Ansatzpunkt für die Behandlung von Depressionen.

Warte nicht, bis nichts mehr geht. Entdecke deine Möglichkeiten!

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